15.08.2018


Ladakh - Juli 2018


 Sanghasena und Marcel 

 

Ladakh – eine Region im Umbruch

 
Ladakh faszinierend und beeindruckend: trotz der vielen Berge ist da eine nahezu unermessliche Weite und die Landschaft strahlt eine grosse Schönheit aus. Der grösste Teil des Landes ist staubtrocken. 2018 brachte auch in Europa Dürre. Doch die Trockenheit in Ladakh hat ein ganz anderes Ausmass. Im Sommer kann es durchaus regnen, doch geschieht dies entweder ganz spärlich oder aber in kaum da gewesenen, sintflutartigen Regenfällen. Da und dort ist deshalb die Angst spürbar, dass es wieder kommen könnte wie im Sommer 2010. Damals wurden in und um Leh, insbesondere in Saboo und Choglamsar, viele Häuser von Schlammlawinen weggespült.

    
Tabo Monastery                                                                                                                               Devachan von Sanghasena

Heute sieht man – zumindest auf den ersten Blick – davon nichts mehr. Im Gegenteil: in Saboo, das ich von meinem letzten Besuch 2007 als ärmliches Dorf in Erinnerung habe, stehen heute mehr Villen als anderswo. Offenbar konnten, wie vielerorts auf der ganzen Welt, reichere Leute da günstig bauen. Bei genauerem Hinhören reden viele Menschen von „zu wenig Wasser“: die Gletscher schmelzen auch auf 5000 bis 6000 Metern und im Winter gibt es zu wenig Schnee. Dies führt wie an manch anderen Orten unseres Planeten zu Wassermangel im Sommer. Zudem haben die Schlammlawinen viele Quellen zugeschüttet.
Und dann ist da auch hier das Abfallproblem. Wohin mit all dem Kehricht, der zu grossen Teilen aus Plastik besteht? Gleich hinter den Hügeln von Bikkhu Sanghasenas Retreat-Zentrum liegt ein riesiges, unbebautes Stück Wüste. Da es keine Verbrennungsanlage gibt, ist es nahe liegend, dass die Bewohner von Choglamsar und Leh in grossen Mengen den ganzen Müll dort auskippen. Eine echte Katastrophe. Das erinnert mich daran, dass es noch gar nicht allzu lange her ist, wo man sich auch in der Schweiz und in Europa des Abfalls auf diese Weise entledigte:

Als ich Kind war, wurde der gesamte Abfall aus St.Gallen und Umgebung unweit unseres Hauses in ein tiefes Tobel geworfen, lastwagenweise, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wie lange dauerte es, bis da eine Kehrichtverbrennung entstand!

Ich kann die Dinge nur von aussen beschreiben und als Tourist bin ich stets auch Teil des Problems. Doch dann sind da immer wieder auch die kleinen und alltäglichen Begegnungen, die mich stets in Indien nachhaltig berührten und die ich in der Schweiz so oft vermisse. Wenn mir eine alte Frau mit wachen Augen zulächelt und ich einfach spontan auf sie zugehe und ihre Hand nehme und sie begrüsse. Oder ein offenes Lachen eines Kindes. Wie so ganz anders verhalten wir uns im Westen! So zurückhaltend distanziert.

               
                    Begegnungen auf dem Dorfplatz                                                                     Einsiedlernonne von Hemis Shukpachan

In Choglamsar kamen während unseres Aufenthalts auch etliche tausend Ladakhi und Tibeter zusammen, um die Lehren des Dalai Lama zu hören. Und hinterliessen Berge von Müll. Auch das ein bei uns etwa von Open Airs allzu bekanntes Problem.
In den kurzen Sommermonaten gibt es in Ladakh mehr Touristen als Einheimische. Und was den Buddhismus in Ladakh angeht, so sind die Buddhistinnen und Buddhisten in dieser Region mittlerweile in der Minderheit: Die Moslems bilden inzwischen die religiöse Mehrheit.

Als ich 1972 nach Indien kam, lebten dort 580 Millionen Menschen. Heute sind es 1,36 Milliarden. Das spürt man. Viele Millionen sind heute auch hier reich, viele extrem reich. Und zig Millionen sind weiterhin arm und extrem arm. In Indien zeigt sich vieles in Superlativen und Extremen. Um damit in Berührung zu kommen, fuhren wir nahezu ausschliesslich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Dies hiess jedoch, dass der Bus von Manali nach Kaza (Spiti-Tal) für 210 km 14 Stunden brauchte (wenn ich sage, dass wir streckenweise im Bachbett gefahren sind, übertreibe ich nicht und meine es wörtlich!), zurück nach Keylong 12 und nach Leh weitere 16 Stunden. Fünf Pässe zwischen 4000 und 5300 Meter. So eine Fahrt kostet dann umgerechnet ca. 5 Franken und ist reich an Erfahrungen, Begegnungen und Eindrücken.

       

Die Menschen sind äusserst hilfsbereit und freundlich. Und Zeit ist hier nach wie vor relativ: «Dies oder jenes geschieht in einigen Minuten» bedeutet oft, dass es sich gut und gern um 2 Stunden handelt. Also ist viel Geduld gefragt. Und vor allem Flexibilität. Fast alles funktioniert letztendlich – vielleicht. Mit der Einstellung „vielleicht“ ist man unterwegs in Indien sowieso bestens beraten. Keine schlechte Lektion für an Präzision und Perfektion gewohnte Reisende aus der Schweiz…

Mit Bhikkhu Sanghasena verbindet mich seit 1997, als er uns im Haus Tao besuchte, eine alte Freundschaft. Danach unterstützten wir etliche Jahre die jungen Nonnen von Devachan, auf deren Förderung er eine Zeitlang einen besonderen Schwerpunkt legte. Devachan,  heisst das Tal ganz in der Nähe der Siedlung der Tibeterinnen und Tibeter von Choglamsar, in dem Bhikkhu Sanghasena sein vielseitiges Sozialprojekt verwirklicht. Die Schulen für Ladakhikinder aus armen Familien, das Altenheim oder das Retreat-Zentrum befinden sich etwas weiter hinten im Tal. Einen Einblick gibt die Webseite http://www.mahabodhi-ladakh.org/
 
    
bei Sanghasena im Garten                                                Kee oder Key Monastery mit Monica und Marcel